Nachdem die ersten Skitrips eher schneearm waren, standen dieses Wochenende die Sterne perfekt. Es war die größte internationale Ski-Crew des Semesters: Aussies, Kiwis, Amerikaner und ein paar Deutsche, zusammengepfercht in einer Unterkunft wie in einem Schlafsaal. Auf dem Berg gab es endlich das, worauf ich in Colorado gewartet hatte: fluffigen Powder, Tree Runs, Mary Jane-Moguls und den großen Skikultur-Schock aus uralten Liften, $300-Skipässen und omnipräsenter Ski Patrol.
„No friends on powder days. No pain, no Jane."
- Champagne Powder: extrem kalter, fluffiger Schnee
- Das erste Mal echte Tree Runs durch den tiefen Wald
- Mary Jane: endlose Buckelpisten, brennende Oberschenkel und reiner Triumph
- Hütten-Vibe mit rund 20 Leuten (Aussies, Kiwis, Amis, Deutsche)
- Kulturschock: Ski Patrol und Lifte ohne Sicherheitsbügel
Bisher war meine Skisaison in den USA von einem geprägt: verdammt wenig Schnee. Der berühmte und viel gerühmte Champagne Powder, auf den ich mich so gefreut hatte, war bisher komplett ausgeblieben. Doch an diesem Dezemberwochenende vom 8. bis zum 10. standen die Sterne endlich perfekt.
Wir waren als riesiges Gruppenkonglomerat unterwegs. Rund 20 Leute - ein bunter Mix aus Australiern, Neuseeländern, einigen Amerikanern und ein paar Deutschen aus der Facebook-Gruppe. Es war vermutlich der größte Gruppenverbund, mit dem ich im Auslandssemester unterwegs war. Wir hatten eine Unterkunft in Winter Park gemietet, die wir sprichwörtlich bis unter die Decke füllten. Die Gruppendynamik war ziemlich funktional, aber lustig: Schlafen wie im Matratzenlager, Leute auf Isomatten am Boden, abends irgendein Spiel, viel Gewusel. Trotzdem fühlte ich mich als Teil der Crew. Dieser Outdoor-Lifestyle verband dort alle ziemlich schnell, egal ob Austauschstudent, Australier, Kiwi oder Amerikaner aus Boulder. Ein großes Glück war, dass sich tatsächlich jemand fand, der Lust hatte, für diese gigantische Truppe zu kochen.
No Friends on Powder Days
Am ersten Skitag offenbarte sich direkt die goldene Regel der Powder Liebhaber. Die anderen hatten am Abend zuvor schon angekündigt, dass sie früh losgehen würden. Ich habe stattdessen getrödelt, zu lange gepennt und mich nicht proaktiv darum gekümmert, rechtzeitig fertig zu werden. Als ich wach wurde, waren meine Mitfahrer natürlich schon weg. Wer als Erster auf der Piste sein und frische Spuren in den Neuschnee ziehen will, wartet nicht. No friends on powder days.
Ich nahm es mit Humor. Es entstand zum Glück kein Schaden, da noch genug andere Autos an der Hütte standen und ich einfach bei jemand anderem mitfahren konnte. Aber als ich dann endlich auf dem Berg ankam, wurde schnell klar, warum die anderen es so eilig hatten.
Champagne Powder und Tree Runs
Es hatte enorm viel geschneit und es war der beste Powder, den ich bis dahin in den USA erlebt hatte. Ich bin geübter Snowboarder und war früher mit meiner Familie auch in Europa viel abseits unterwegs. Alles blieb im Bereich des Machbaren, nur eben endlich mit genau den Bedingungen, auf die ich seit Saisonbeginn gewartet hatte. Das Besondere an diesem Colorado-Schnee ist diese ultra-fluffige Konsistenz. Es kann extrem kalt sein und trotzdem schneien; an diesem Wochenende lagen die Höchstwerte nicht einmal über minus zehn Grad. In Europa ist es bei Schneefall gefühlt oft milder und der Schnee schwerer.
In Europa fahren wir fast ausschließlich auf präparierten Pisten. Fährt man in den Wald, ist meistens alles abgesperrt oder es ist schlichtweg verboten. In den USA ist die Logik anders. Präparierte Pisten heißen dort Groomers und sind nicht automatisch der Normalfall, sondern eine eigene Kategorie. Das eigentliche Highlight für viele Locals ist das unpräparierte Gelände und vor allem die Tree Runs. Durch die vielen Bäume fühlte sich das für mich auch nicht nach Lawinenstress an, sondern nach einem riesigen, natürlichen Spielplatz.
Wir sind direkt in die Wälder abgebogen. Es war ein unfassbares Gefühl, durch diese Schneemassen zu surfen, zwischen den Bäumen durch, über kleine Hügel, immer wieder spielerisch und wild. Natürlich blieb das nicht ohne Folgen: Ich bin im tiefsten Powder steckengeblieben und musste mich selbst ausgraben, während Josh genüsslich daneben stand und mich filmte. Das war aber eher lustig als schlimm. Genau für solche Momente fährt man Powder.
No Pain, No Jane
Ein spezieller Teil von Winter Park heißt Mary Jane und ist berüchtigt für seine extremen, nicht enden wollenden Buckelpisten (Moguls). Der lokale Spruch No pain, no Jane fasst das ziemlich gut zusammen. Meine Oberschenkel haben beim ständigen Kampf mit dem Board förmlich gebrannt. Die Moguls waren das Anstrengendste am Wochenende, aber auch das war cool: körperlich brutal, technisch fordernd, aber genau noch in diesem Bereich, in dem es Spaß macht.
Generell war ich wahnsinnig beeindruckt vom Skill der anderen. Louis zum Beispiel konnte extrem gut Skifahren. Aber noch faszinierender war die Einstellung mancher Amerikaner: Einige waren fahrerisch gar nicht so stark, stürzten sich aber trotzdem in absoluter Kamikaze-Manier den Berg hinunter. Die Amis kennen da einfach gar nichts.
Der große Skikultur-Schock
Das Wochenende war auch ein tiefgreifender Kulturschock, was die amerikanische Herangehensweise an Skigebiete angeht. Es ist ein Land der extremen Widersprüche.
Einerseits zahlt man fast 300 US-Dollar für einen Tagespass und sitzt dann in einem klapprigen Einzelsessellift, der aussieht, als stamme er aus dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt keine Sicherheitsbügel, man schwebt einfach ungesichert über den Abgrund. Ich fand das eigentlich eher lustig als beängstigend. Aber gleichzeitig stehen unten Lift-Einweiser, die einem haargenau erklären, wo man sich hinzustellen hat - Dinge, die man in Europa den Leuten durchaus selbst zutraut.
Noch absurder wird es beim Thema Regeln. Amerika gilt als The Land of the Free, und beim Skifahren wirkt zunächst auch vieles sehr wild und frei: Tree Runs, unpräpariertes Gelände, alte Lifte, viel Raum. Doch wehe, man bricht eine Regel. An jeder Ecke steht die Ski Patrol. Einerseits achten sie natürlich darauf, dass den Leuten nichts passiert. Andererseits kontrollieren sie sehr präsent, ob jemand zu schnell, rücksichtslos oder in gesperrtem Gelände unterwegs ist.
Die größte Angst jedes amerikanischen Skifahrers ist es, dass ihm der Pass “gepullt” wird. Wenn du in gesperrtes Gelände fährst, nehmen sie dir den Skipass gnadenlos ab. In Österreich habe ich beim Skifahren noch nie so etwas wie eine Polizei gesehen, da gilt eher das Prinzip “Fahren auf eigene Gefahr”. In den USA dagegen ist das Skigebiet extrem reguliert. Die Freiheit ist bei uns in Europa in vielerlei Hinsicht größer; der große US-Unterschied waren vor allem die offenen Tree Runs. Otherwise: nothing free about US skiing.
Das Wochenende in Winter Park war am Ende genau das, was ich mir vom Skifahren in den USA erhofft hatte: tiefer Powder, schmerzende Beine, verrückte Mitbewohner und ein unbezahlbares Hüttenessen nach einem langen Tag auf dem Berg.
- Am Powder-Morgen verschlafen und die erste Mitfahrgelegenheit verpasst