Philipp’s Travel Blog
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↑ Etappe von „USA — Auslandssemester in Boulder"

Ein extrem ambivalenter Abschied: tiefe Wehmut beim Verlassen des perfekten Campus in Colorado, gepaart mit der unbändigen Sehnsucht nach Wärme nach all den eiskalten Winter-Trips. Florida lieferte dann den totalen Kulturschock: drückende subtropische Luft, dominantes lateinamerikanisches Flair in Miami, die bedrückende Faszination von Alligatoren-Shows in den Sümpfen und ein Roadtrip über die Keys. Es war der letzte große Kraftakt eines halben Jahres auf der Überholspur, bevor mich am Ende in Key West die Reisemüdigkeit sanft nach Hause schob.

Ein halbes Jahr Vollgas. Am südlichsten Punkt der USA war der Tank dann leer."
  1. Der emotionale Abschied vom geliebten Boulder-Campus
  2. Das komplett hispanische Miami: wie eine Reise nach Südamerika
  3. Die Biscayne Bay River Cruise vorbei an Luxusyachten und Promi-Villen
  4. Baby-Alligatoren und Airboats: Faszination und Zwiespalt in der Gator Farm
  5. Southernmost Point in Key West und das Gefühl, am Ende der Welt zu stehen
5 Stopps · Route: Flug + Auto

Der 4. Januar fühlte sich unwirklich an. Nach 166 Tagen im Westen der USA, in denen Colorado zu meinem absoluten Zuhause geworden war, baute ich meine Zelte ab. Ich drehte eine letzte Runde über den traumhaften Campus in Boulder mit den Flatirons im Hintergrund, knipste noch ein paar Fotos und aß ein letztes Mal bei Snarfburger. Ich war definitiv wehmütig. Ich hatte mich so gut eingelebt, einen tollen Freundeskreis gefunden, und mit dem Ikon Pass in der Tasche fing die Skisaison in den Rockies eigentlich gerade erst an. Am liebsten hätte ich noch ein zweites Semester drangehängt.

Trotzdem war die Vorfreude auf das letzte Kapitel groß: Florida. Nach all den eiskalten Trips und einer verschleppten Erkältung aus dem Aspen-Camper sehnte ich mich körperlich einfach nach Wärme. Am 5. Januar stieg ich mit meinem gesamten Gepäck in den Flieger nach Miami, um mich dort mit Eric und Mihnea (der für uns alle “Migna” war) zu treffen.

Kulturschock Miami

Schon am Flughafen in Miami dachte ich kurz, ich sei in den falschen Flieger gestiegen und in Südamerika gelandet. Ich ging in ein Café, um mir etwas zu kaufen, und wurde selbstverständlich auf Spanisch angesprochen. Der Verkäufer sprach schlichtweg kein Englisch. Nachdem ich das letzte halbe Jahr in einer ziemlich weißen Bubble in Colorado gelebt hatte, war dieser massive hispanische und kubanische Einfluss ein extremer Kulturschock – aber ein sehr faszinierender.

Auch das Wetter war ein Segen. Wir hatten zwar nicht immer strahlenden Sonnenschein, aber es war herrliches T-Shirt-Wetter bei hoher Luftfeuchtigkeit. Ich war ständig fasziniert davon, dass die USA als Land eine Klimazone besitzen, die so weit in die Subtropen hineinragt, dass man mitten im Januar einfach im Paradies wandeln kann. Warum müssen wir in Deutschland diese brutalen, grauen Winter eigentlich ertragen?

Wir checkten im Generator Hostel ein, wo wir ein cooles Vierbettzimmer für uns allein hatten. Völlig überraschend tauchte am Abend sogar noch Hamish auf, der uns auf dem Chicago-Weihnachtstrip begleitet hatte und nun ebenfalls in Miami unterwegs war.

Skyscraper und Promi-Villen

Am ersten vollen Tag zogen wir los, um die Stadt abzuarbeiten. Wir spazierten die Hauptmeile von South Beach hinunter, vorbei an den berühmten Art-Deco-Straßen. Ich fand die Architektur cool, aber Mihnea war etwas enttäuscht. Er kommt aus Napier in Neuseeland, einer Stadt, die weltweit für ihr spektakuläres Art-Deco-Ensemble berühmt ist, und er fand Miami im direkten Vergleich ein bisschen “underwhelming”.

Am Abend probierten wir das aus, wofür Miami berühmt ist: Clubbing. Wir versuchten unser Glück beim legendären Club Space, kamen aber nicht rein und zogen in einen anderen Club weiter. Das Nachtleben in Miami hat seinen ganz eigenen Vibe. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die riesigen Skyscraper, deren Lichter in der feuchten, subtropischen Nachtluft auf eine ganz besondere, fast schon verschwommene Art schimmerten (“Glow”).

Am nächsten Tag standen die Graffiti der Wynwood Walls und Little Havana (Calle Ocho) auf dem Programm. Den besten Blick auf die echte Dekadenz von Miami bekamen wir aber am Nachmittag bei einer River Cruise. Vom Wasser aus schipperten wir an den Megayachten und wahnwitzigen Villen der Prominenz vorbei – vom Haus von Ricky Martin bis Pitbull war alles dabei. Es war absurd viel Luxus. Wer kann, der kann.

Im Sumpf der Alligatoren

Nach den Tagen in der Stadt verließen wir Miami Richtung Süden. Wir übernachteten in Homestead (oder Florida City, das nimmt sich nicht viel), um von dort die Everglades zu erkunden.

Unsere erste Station war die Everglades Alligator Farm. Das war eine dieser klassischen, uramerikanischen “Tourist Traps”, die bei mir enorme Zwiespalte auslöste. Einerseits taten mir die Tiere unfassbar leid. Wenn der “Trainer” in der Show auf dem Rücken eines Alligators saß und ihm das Maul zuhielt, konnte das nicht angenehm sein. Auch die Tatsache, dass man uns Baby-Alligatoren mit zugeklebten Mäulern in die Hand drückte, war grenzwertig. Gleichzeitig war es natürlich faszinierend, diese gewaltigen Tiere einmal von ganz nah zu sehen und die raue Haut zu spüren. Am extremsten war das Gehege, in dem Hunderte Alligatoren wie gestapelt aufeinanderlagen – und als zur Fütterung rohes Fleisch hineingeworfen wurde, explodierte das Wasser in einem brutalen Kampf.

Anschließend fuhren wir mit einem Airboat lautstark und driftend durch die Sumpflandschaft. In der freien Wildbahn sahen wir bei dieser Fahrt keinen einzigen Alligator, was fast schon ironisch war.

Danach fuhren wir noch mit dem Auto tief in den Everglades National Park hinein, bis ganz nach unten nach Flamingo. Ich hatte eigentlich ein sattes “Evergreen” erwartet, aber tatsächlich wirkte der Park im Januar etwas trocken und karg. Es war schön, wir stiegen an den interessanten Stellen brav aus, aber es hat mich landschaftlich nicht komplett umgehauen.

Reisemüde auf den Keys

Nach den Everglades musste Eric uns leider verlassen und nach Hause fliegen. Mihnea und ich setzten den Trip zu zweit fort und fuhren auf die Florida Keys.

Unser erster Stopp war Key Largo. Wir versuchten unser Glück am Cannon Beach im John Pennekamp State Park, aber das Erlebnis war extrem ernüchternd. Die coolen Fotos auf Google, auf denen Menschen direkt vom Strand aus zwischen Fischen und Riffen schnorcheln, waren wohl eher Bootsausflüge oder Aquarien. Ohne Boot gab es dort im flachen, trüben Wasser fast nichts zu sehen. Das trübe Wetter trug sein Übriges dazu bei.

Am 9. Januar erreichten wir abends schließlich Key West. Hier spürten wir sofort einen anderen Vibe: Die Temperaturen lagen selbst nachts noch in den hohen Zwanzigern, die klassischen Karibik-Häuser sahen fantastisch aus und die Atmosphäre war ausgelassen. Wir fotografierten uns am berühmten Southernmost Point – der Gedanke, dass Kuba von hier aus quasi in Sichtweite ist, während man noch auf amerikanischem Boden steht, war extrem faszinierend. Mihnea nutzte die Chance und ging Parasailing, während ich einfach nur am Boden chillte.

Denn in Key West passierte etwas in mir: Die Luft war komplett raus. Ich wurde extrem reisemüde. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der unbedingt nach Hause will, aber nach einem halben Jahr ununterbrochenem Vollgas, ständigen neuen Eindrücken, tausenden gefahrenen Kilometern und unzähligen Partys fühlte ich mich plötzlich einfach erschöpft. Feiern gehen wurde mehr zur Pflichtaufgabe und Anstrengung als zum Genuss. Vermutlich machte sich auch bemerkbar, dass ich als Mitte 20-Jähriger mit Jungs unterwegs war, die gerade erst Anfang 20 waren und noch andere Energiereserven hatten.

Am 10. Januar fuhren wir den weiten Weg über den Overseas Highway zurück nach Miami. Wir verbrachten dort eine letzte Nacht, in der wir uns noch einmal aufrappelten und richtig feiern gingen. Wir machten uns einen Spaß daraus, dass auf den Polizeiautos in Florida riesig “State Trooper” steht, was wir konsequent als “Star Trooper” (wie in Star Wars) umdichteten.

Am 11. Januar stieg ich endgültig in den Flieger. Mein Auslandssemester war vorbei. Der Tank war leer, aber der Kopf war voll mit Erinnerungen, die wohl für ein ganzes Leben reichen werden.

  1. Fragwürdige Tierhaltung und Show-Elemente in der Alligator Farm
  2. Everglades im Januar trockener und weniger spektakulär als erwartet
  3. Trübes Wetter und enttäuschendes Baden am John Pennekamp State Park
  4. Spürbare Reisemüdigkeit nach einem halben Jahr Vollgas
  1. Mit dem Boot weiter raus zum Riff im John Pennekamp Coral Reef State Park
  2. Die Florida Keys bei richtig gutem Sonnenwetter erleben